Die Historiker sind sich über den Tag der Aussendung des hl. Propheten (s.) anders als seinem Geburtstag bzw. Todestag nicht ganz einig. Die schiitischen Experten sind sich fast alle darüber einig, dass der hl. Prophet (s.) am 27. des Monats Radjab seine Mission erhielt, dass sein Auftrag an jenem Tag begann. Sunnitische Experten sind hingegen der Meinung, dass der große Anführer des Islams im Monat Ramadan diesen wichtigen Titel erlangte; dass der Erhabene an diesem segenreichen Monat für die Rechtleitung der Menschen durch den Gott der Welten auserwählt und zum Propheten ernannt wurde.

Da die Schiiten sich als Nachfolger der Familie des hl. Propheten (s.) betrachten und gemäß der Überlieferung der Thaqalain die Worte ihrer Anführer aus jeder Hinsicht und endgültig als korrekt erachten, so basieren sie ihre Überzeugung auf den Worten der Ahlulbait (a.s.), wie sie überliefert worden sind und sie erreicht haben. Die Sprösslinge des hl. Propheten (s.) sagen, dass ihr Edelmutiger Vater im Monat Radjab, und zwar am 27. des Monats auserwählt wurde. Ein solcher Hintergrund erlaubt es ihnen nicht, jemals an diesen Worten zu zweifeln. Der Qur’an selbst bezeugt übrigens auch, dass seine Verse im Monat Ramadan offenbart worden sind. Da der Tag der Aussendung des hl. Propheten (s.) der Tag ist, an dem die Offenbarung des hl. Qur’ans angefangen hat und im selben Monat ist, an dem der Qur’an offenbart wurde, schließt man daraus, dass es sich um den Monat Ramadan handelt. Folgende Verse bezeugen, dass der hl. Qur’an im segenreichen Monat des Ramadan offenbart worden ist.

„Der Monat Ramadan ist es, in dem der Qur`an als Rechtleitung für die Menschen herabgesandt worden ist…“[1]

„Bei dem deutlichen Buch! Wahrlich, Wir haben es in einer gesegneten Nacht herabgesandt…“[2]

„Wahrlich, Wir haben ihn [den Qur`an] herabgesandt in der Nacht von Al-Qadr.“[3]

Die Argumente schiitischer Wissenschaftler

Schiitische Tradenten und Exegeten argumentieren auf verschiedene Arten und erläutern ihre Argumente wie folgt:

Das erste Argument

Die eben erwähnten Verse bezeugen lediglich, dass der hl. Qur’an im segenreichen Monat des Ramadan und an einem Abend, nämlich dem Abend von Al-Qadr offenbart worden ist, besagen aber nichts über den Ort der Offenbarung und auch nicht, dass sie an jenem Abend dem Herz des hl. Propheten (s.) eingegeben worden sind. Es kann sogar sein, dass der Qur’an auf mehrere Arten offenbart worden ist, und dass die allmähliche Offenbarung dem hl. Propheten (s.) nur eine dieser Offenbarungen ist. Eine weitere Offenbarung ist die vollständige, nämlich direkt von der Universalseele in das instandgehaltene Haus, in die Ka’ba.[4]

Es spricht somit nichts dagegen, dass am 27. des Monats Radjab nur einige Verse der Sure Al-Alaq dem hl. Propheten (s.) offenbart worden sind und dass der gesamte Qur’an im Monat Ramadan von einer Position, die man die ‚wohlbewahrte Tafel‘ nennt einer anderen Position, welche in Überlieferungen ‚das instandgehaltene Haus‘ genannt wird, offenbart worden ist.

Der Vers „Bei dem deutlichen Buch! Wahrlich, Wir haben es in einer gesegneten Nacht herabgesandt“ bestätigt dies. „Es“ steht hier für das Buch, welches als ganze in der Nacht des Al-Qadr herabgesandt wurde. Es kann sich hier nur um eine andere Offenbarung handeln als jene, die am Tag der Aussendung des hl. Propheten (s.) stattfand, weil an jenem Tag nur wenige Verse offenbart worden sind.

Kurzum haben die Verse, die besagen, dass der hl. Qur’an in der gesegneten Nacht des Al-Qadr offenbart worden ist nicht zu bedeuten, dass der Tag der Aussendung des hl. Propheten (s.), an welchem ja nur wenige Qur’anverse offenbart wurden, auch im Monat des Ramadan liegt. Diese Verse besagen nämlich, dass das ganze Buch des Qur’ans in jenem Monat offenbart worden ist und nicht nur wenige Verse, wie am Tag der Aussendung des hl. Propheten. So besteht die Möglichkeit, dass mit der gesammelten Herabkunft des hl. Qur’ans die Offenbarung seiner Gesamtheit im Monat Ramadan, und zwar von der wohlbewahrten Tafel zum instandgehaltenen Haus gemeint ist. Schiitische und sunnitische Experten weisen diesbezüglich auf verschiedene Überlieferungen hin, insbesondere Muhammad Abdulazim, Professor an der Al-Azhar Universität hat diese ausführlich in seinem Werk wiedergegeben.[5]

Das zweite Argument

Die logischste Antwort, die bislang von Wissenschaftlern geäußert wurde, ist dieses zweite Argument. Der große Meister Tabatabaei hat sich in seinem wertvollen Werk[6] mit diesem Argument befasst, welches zusammengefasst etwa folgendes Aussagt:

Dass der Qur’an sagt, wir haben ihn im Monat Ramadan offenbart, bedeutet dass die Wahrheit des Qur’ans dem Herzen des hl. Propheten (s.) übergeben wurde, weil der Qur’an zwar allmählich offenbart wurde, aber auch über eine vollkommene Wahrheit besitzt, mit der der hl. Prophet (s.) an einem bestimmten Abend erleuchtet wurde.

Da der hl. Prophet (s.) sich nun über die Gesamtheit des hl. Qur’ans bewusst war, erhielt er die Anweisung, damit nicht zu eilen, bis die Anweisung dessen allmählicher Offenbarung gegeben wird: „Und überhaste dich nicht mit dem Qur`an, ehe seine Offenbarung dir nicht vollständig zuteil geworden ist“[7]

Kurzum besagt dieses Argument, dass der Qur’an eine gesammelte, vom Verstand begreifbare Bedeutung hat, die mit einem Mal im Monat Ramadan offenbart wurde und auch eine allmählich entstandene Existenz, die mit dem Tag der Aussendung des hl. Propheten (s.) begann und bis ans Lebensende des hl. Propheten (s.) allmählich offenbart wurde.

Das dritte Argument

Die Aussendung des hl. Propheten (s.) war nicht mit der Offenbarung des hl. Qur’ans konkurrierend.

Wie bereits während der Definition der verschiedenen Arten der Offenbarung gesagt wurde, hat die Offenbarung verschiedene Stufen wovon die erste dem hl. Propheten (s.) gegeben wurde, die Rede ist hier von wahrhaftigen Träumen. Eine weitere Stufe davon ist, eine Stimme aus dem Verborgenen und aus dem Himmel zu hören, ohne dass ein Engelswesen erscheint. Die letzte Stufe der Offenbarung besteht daraus, dass ein Engelswesen erscheint und den Empfänger der Offenbarung mit den Wahrheiten der Existenz erleuchtet.

Die menschliche Seele ist nicht dazu imstande, die erste Stufe der Offenbarung zu verkraften, so muss er sie allmählich empfangen. Daraus schließen wir, dass der hl. Prophet (s.) am Tag der Aussendung (am 27.) und für eine Zeit lang danach, lediglich den himmlischen Ruf gehört hat, der ihm sagte, dass er der Auserwählte Gottes ist und dass an jenem Tag kein Vers offenbart wurde, sondern dass die allmähliche Offenbarung des hl. Qur’ans erst nach einiger Zeit und im Monat Ramadan begonnen hat.

Kurzgefasst besagt dieses Argument, dass die Aussendung des hl. Propheten im Monat Radjab nicht voraussetzt, dass auch der Qur’an im selben Monat offenbart wurde. Es ist daher gänzlich vertretbar, dass der hl. Prophet (s.) m Monat Radjab ausgesandt wurde, während der Qur’an im Ramadan desselben Jahres offenbart wurde.

Dieses Argument mag im Widerspruch mit vielen historischen Texten stehen (die Historiker sagen ganz eindeutig, dass einige Verse der Sure Al-Alaq am Tag der Aussendung des hl. Propheten (s.) offenbart wurden), doch es gibt auch Überlieferungen, die lediglich bestätigen, dass der hl. Prophet (s.) die Stimme aus dem Verborgenen erhört hat und nichts davon erwähnen, dass der Qur’an oder auch nur einige Verse davon an jenem Tag offenbart wurden. Es wird nur so beschrieben, dass der hl. Prophet (s.) an jenem Tag ein Engelswesen gesehen hat, dass zu ihm sprach: „O Muhammad, wahrlich, Du bist der Prophet Allahs“ und in anderen Überlieferungen heißt es, dass der Edelmutige das Engelswesen lediglich gehört, jedoch nicht gesehen hat. Eine ausführlichere Erklärung lässt sich im Werk „Bihar ul Anwar“ nachschlagen.[8]

 


[1]2:185

[2]44:2-3

[3]97:1

[4] Um näheres über die ‚wohlbewahrte Tafel‘ bzw. das ‚instandgehaltene Haus‘ zu erfahren, wenden Sie sich an die exegetischen Werke.

[5] Manahil Al-Irfan fi Oloum Al-Qur’an, Band 1, S. 37

[6] Al-Mizan, Band 2, S. 14-16

[7]20:114

[8]Die Lichtermeere, Band 18, Seiten 184, 190, 193, 253; Kafi, Band 2, S. 460; Die Ayaschi Exegese, Band 1, S. 80 – Dieses Argument widerspricht sich mit dem, was im Werk des Tradenten Bokhari erwähnt wird, nämlich dass die Aussendung des hl. Propheten (s.) gleichzeitig mit der Offenbarung der Sure Al-Alaq geschah.

Quellen: Der Glanz der Ewigkeit, Band 1 (Djafar Subhani)

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