Der hl. Qur’an, wie wir ihn heute lesen, wurde nicht mit einem Mal zusammengesetzt, sondern allmählich und von verschiedenen Individuen und Gruppen. Die Reihenfolge und Durchzählung der Verse jeder Sure wurden zu den Lebzeiten des hl. Propheten (s.) und mit seiner Anweisung durchgeführt. Diese Reihenfolge ist daher absolut anzuerkennen und bei der Rezitation der Suren zu berücksichtigen.

Jede Sure begann mit der Offenbarung eines Bismillah, und die Verse wurden in derselben Reihenfolge, in der sie offenbart wurden, niedergeschrieben bis das nächste Bismillah offenbart wurde. Dies war die inhärente Reihenfolge der Verse. Manchmal gab der hl. Prophet (s.) – nach einem Hinweis von Gabriel – die Anweisung, bei einem bestimmten Vers die inhärente Reihenfolge zu ignorieren und den besagte Vers in eine andere Sure zu setzen. Ein Beispiel hierfür ist der folgende Vers: „Und fürchtet den Tag, an dem ihr zu Allah zurückgebracht werdet. Dann wird jeder Seele das zurückerstattet, was sie erworben hat, und ihnen wird kein Unrecht geschehen.“[1] Es wird gesagt, dass dies einer der letzten, offenbarten Verse war, doch der hl. Prophet (s.) gab die Anweisung, sie in die 2. Sure einzusetzen, zwischen den 280. und 282. Versen einzufügen. Die Eintragung der Verse in die Suren ist also als absolut zu betrachten und geschah unter der persönlichen Aufsicht des hl. Propheten (s.), die Reihenfolge ist daher einzuhalten.

Es ist die Reihenfolge der Suren, worüber sich die Experten nicht einig sind. Morteza Alam Ul’Huda und viele andere Forscher und Zeitgenossen des Ayatollah Khuie sind der Meinung, dass der Qur’an in seiner jetzigen Komposition bereits zu Lebzeiten des hl. Propheten (s.) existiert hat. Es gab damals bereits Menschen, die den Qur’an auswendig konnten und es ist überdies sehr unwahrscheinlich, dass der hl. Prophet (s.) etwas so wichtiges offen gelassen hat, damit man es nach ihm erledigt.

Dies ist kein gültiges Argument. Den Qur’an gesammelt oder ihn gar auswendig gelernt zu haben heißt nicht unbedingt, dass die Reihenfolge bereits festgesetzt war. Auch jemand, der das bis zu jenem Tag offenbarte gesammelt und auswendig gelernt hat, fällt in die vorhin erwähnte Kategorie.

Den Qur’an auswendig zu lernen setzt nicht voraus, seine jetzige Anordnung zu kennen. Wie wichtig dies nun überhaupt ist, sei dahingestellt, weil es viel wichtiger ist, dass die Suren getrennt und voneinander unabhängig sind, damit sie nicht miteinander verwechselt werden können. Dies wurde bereits zu Lebzeiten des hl. Propheten (s.) gewährleistet. Eine Reihenfolge für die Suren zu bestimmen, bevor der Qur’an vollständig offenbart wurde, war aber nicht möglich. Solange der Edelmutige lebte, bestand die Möglichkeit, dass an jedem Moment neue Verse oder Suren offenbart werden. Erst nachdem kein Grund mehr zur der Annahme besteht, dass noch Verse offenbart werden, also nach dem Tod des hl. Propheten (s.), würden sich die Qur’anversen anordnen lassen.

Die meisten Forscher und Historiker glauben, dass die Anordnung der Suren des Qur’ans zum ersten Mal nach dem Tod des hl. Propheten (s.) geschah, und zwar zunächst durch Imam Ali (a.s.), und dann Zaid Ibn Thåbit und anderen, angesehenen Anhängern des hl. Propheten (s.). Man geht also kurzum davon aus, dass der Qur’an von den Anhängern und Gefolgen des hl. Propheten (s.) zusammengefasst wurde, und zwar nach seinem Tod, und so ist es auch in die Geschichte eingetragen worden.

Imam Ali (a.s.) war die erste Person, die sich nach dem Tod des hl. Propheten (s.) mit der Zusammenfassung des Qur’ans befasste. Den Überlieferungen nach saß der Edelmutige 6 Monate lang zu Hause bis es beendet war. Ibn Nadim sagt: „Das erste, zusammengefasste Buch stammte von Imam Ali (a.s.). Einige Seiten fehlten darin, und es wurde den Kindern von Hassan Ibn Ali (a.s.) geerbt.“[2] Muhammad Ibn Sirin überliefert von Akrama: „Am Anfang des Kalifentums von Abubakr, setzte sich Imam Ali (a.s.) zuhause nieder und fasste den Qur’an zusammen.“ Er fragte Akrama: „Hatte dieses Buch dieselbe Reihenfolge wie die anderen Bücher?“ Akrama antwortete: „Wenn sich Mensch und Dämon versammeln und versuchen, den Qur’an zusammenzufassen wie Imam Ali (a.s.) es getan hat, wird es ihnen nicht gelingen.“ Ibn Sirin setzt fort: „Ganz gleich was ich tat, um das besagte Buch zu erwerben, es gelang mir nicht.“[3] Ibn Djazi Kolbi sagt: „Hätte man das von Imam Ali (a.s.) zusammengefasste Buch gefunden, würde man viel Wissen darin finden.“[4]

Die Anordnung nach Zaid Ibn Thåbit

Der hl. Prophet (s.) gab die Anweisung, den Qur’an zusammenzufassen, damit diese Schrift nicht dasselbe Schicksal erlebt, wie das Alte Testament der Juden.[5] Imam Ali (a.s.) befolgte diese Anweisung des hl. Propheten (s.) und befasste sich mit dieser wichtigen Angelegenheit. Es bot seine Zusammenfassung an, sie wurde jedoch aus ungewissen Gründen nicht anerkannt. Der Qur’an ist aber die oberste Quelle der islamischen Gesetzgebung und das Fundament des islamischen Volkes, daher war es notwendig, dass die Kalifen der Zeit sich an die verschiedenen Schreiber der Offenbarung wenden den Qur’an zusammenzufassen, indem sie die verschiedenen Verse sammeln und anordnen, ob sie sich nun auf Stücken von Holz oder Knochen, oder in den Herzen derer befanden, die den Qur’an auswendig gelernt hatten. Es galt auch, den Verlust zu begleichen, der durch den Tod von siebzig, oder – einer anderen Erzählung nach – vierhundert Bewahrern des Qur’ans in der Schlacht von Yamåma entstanden war.[6]

So erhielt Zaid Ibn Thåbit von Abu Bakr die Anweisung, den Qur’an zusammenzufassen. Zaid erzählt:

„Abu Bakr ließ mich rufen, und sagte nach einer Beratung mit Omar – der anwesend war – zu mir: Viele Rezitatoren und Bewahrer des Qur’ans sind im Zwischenfall von Yamåma umgekommen und es besteht die Gefahr, dass noch weitere getötet werden und ein Großteil des Qur’ans damit verloren geht. Dann thematisierte er eine Zusammenfassung des Qur’ans. Wir fragten ihn, wie er denn etwas bewerkstelligen möchte, was der hl. Prophet (s.) nicht getan hat. Er antwortete: Ich sehe, dass Du ein kluger, junger Mann bist. Wir denken nichts Schlechtes von dir. Du bist der Schreiber von dem, was dem hl. Propheten (s.) offenbart wurde, so nehme Dich dieser Angelegenheit an und erledige sie richtig.“

Er setzt Fort:

„Die Verantwortung, die mir somit übertragen wurde, wog mehr als ein Berg, doch ich nahm sie an und sammelte den Qur’an, der auf Tafeln aus Holz und Stein geschrieben worden war.“[7]

Zaid’s Methode der Anordnung

Zeid befasste sich mit der Zusammenfassung des damals zerstreuten Qur’ans, und vereinte ihn in ein Buch. Er tat dies mit der Hilfe von anderen Gefährten des hl. Propheten (s.). Sein erster Schritt war ein Aufruf an alle, die etwas vom Qur’an bei sich haben. Ya’qubi sagt: „Er bildete eine Gruppe von 25 Personen.“[8] Er übernahm selbst die Führung dieser Gruppe. Jeden Tag versammelten sie sich in der Moschee und wurden von Individuen aufgesucht, die eine Sure oder einen Vers des Qur’ans bei sich hatten. Sie würden das Erhaltene allerdings nur dann als authentisch anerkennen, wenn von zwei Personen bezeugt wurde, dass dies der Fall ist. Einer dieser Zeugen müsste ein schriftliches Exemplar davon besitzen, der zweite den besagten Vers oder die besagte Sure auswendig können. Es mussten also Zeugen sein, die die Verse vom hl. Propheten (s.) selbst gehört haben. Zwei Dinge sollten dabei beachtet werden:

Von Khazima Ben Thåbit Ansåri[9] wurden die beiden letzten Versen der 9. Sure ohne weitere Zeugen anerkannt, weil der hl. Prophet (s.) bestimmt hatte, dass er so glaubwürdig sei, wie zwei Zeugen.[10]

Von Omar Bin Khattåb wurde ein Satz, von dem er sagte, es sei ein Vers, nicht anerkannt. Er konnte keine Zeugen bringen und niemand bestätigte jemals, so etwas vom hl. Propheten (s.) gehört zu haben. Omar bestand, solange er noch lebte, auf seine Behauptung und sagte stets: „Wenn die Menschen nicht sagen würden, dass Omar selbst etwas dem Qur’an hinzugefügt hat, würde ich diesen Satz zu jedem Zeitpunkt dem Qur’an hinzufügen.“

So sammelte Zaid die Verse und Suren des Qur’ans und verhinderte, dass er zerstreut bleibt oder gar verloren geht. Jede vollkommene Sure kam in einen Behälter aus Leder, bis die letzte Sure auch vervollständigt war. Er bestimmte aber keine Reihenfolge für die Suren.[11] Das entstandene Heft wurde Abu Bakr übergeben, der es an Omar weitergab. Nach Omar’s Tod, erhielt es seine Tochter. Utman borgte dieses Heft dann aus, um es mit anderen Zusammenfassungen zu vergleichen, und brachte es dann zurück. Als Omar’s Tochter starb, übernahm Marwån, der von Muåwia als Medina’s Sachwalter auserwählt worden war das Heft und ließ es zerstören.[12]

 


[1]2:281

[2]Al-Fihrist, S. 47-48

[3]Tabaghåt, Ibn Sa’d, Band 2, S. 101 und al-Isti’ab fi Håschia al’Asåba, Band 2, S. 253, al-Atqån, Band 2, S. 57

[4]Ibn Djazi Alkulbi, at-Tashil le-Oloum at-Tanzil, Band 1, S. 4 und siehe auch Tamhid, Band 2, S. 288 und S. 292-296

[5]Tafsir Qumi, S. 745

[6]Fath al-Båri, Band 7, S. 447 – in jenem Ereignis waren, nach der Geschichte von Tabari, Band 2, S. 516, 360 Siedler und Gefährten aus Medina, 300 Siedler von außerhalb Medinas und 300 Gefolgen ums Leben gekommen.

[7]Sahih Bukhåri, Band 6, S. 225 und Masåhif Sadjiståni, S. 6 und Ibn Athir, Alkåmil fi at-Tårikh, Band 2, S. 247 und Band 3, S. 56 und al-Burhån, Band 1, S. 233

[8] Geschichte nach Ya’qubi, Band 2, S. 113

[9] Khazima Bin Thåbit Ansåri wurde als „der doppelt bezeugende“ bekannt. Er war in allen Schlachten des hl. Propheten (s.) anwesend, ein Freund von Imam Ali (a.s.) war und ihn sehr liebte. Er war in den Geschehnissen von Saffain und Djamal anwesend und war derjenige, der die berühmte Überlieferung in Saffain vermittelte: „Ammår wird von Unterdrückern ermordet werden“. Als der hl. Prophet (s.) ein Pferd erworben hatte, bezeugte dieser zugunsten des Edelmutigen, einzig und allein weil es der hl. Prophet (s.) war, der herausgefordert wurde und er wusste, dass dieser immer Recht behält. So ließ der Edelmutige seine Aussage der von zwei Zeugen gleichwertig sein. Asad al-Qåba, Band 2, S. 114

[10]Masåhif Sadjiståni, S. 6-9, Sahih Bukhåri, Band 6, S. 225

[11] Ibn Kathir al-Qarschi al-Damishqi, Tafsir Ibn Kathir, Band 1, S. 261 und Al-Burhån, Band 2, S. 35 und Al-Atqån, Band 1, Ss. 58 und Fath al-Båri, Band 9, S. 16 und Zarqåni, Manåhil al-Irfån, S. 254 und Ahmad Amin Misri, Fadjr ul Islåm, S. 195

[12] Ibn Hadjar Ghastalåni, Irschåd Al Såri fi scharh al Bukhåri, Band 7, S. 429 u. At-tamhied, Band 1, S. 300

Quellen: Qur’anwissenschaft, Kenntnis, Muhammad Hådi

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